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Büchertipps


Hier verweisen wir auf die umfangreiche Bücherliste des DSB: Web: www.schwerhoerigkeit.de, E-Mail: dsb@schwerhoerigkeit.de

Buchbesprechungen


Auch einsame Seelen können sehr glücklich werden



Aus dem Leben der schwerhörigen Margarethe von Witzleben

Hartwig Claußen, Uta Dörfer
Median-Verlag Heidelberg
ISBN 3-922766-73-0

Genau zum richtigen Zeitpunkt – zum 100-jährigen Bestehen der Selbsthilfebewegung für Schwerhörige und Ertaubte – erschien das Buch.

Zu lesen ist über das Leben und Wirken der schwerhörigen Freifrau Margarethe von Witzleben. Sie erlebte eine glückliche und behütete Kindheit auf dem Rittergut Kitzscher (bei Leipzig). Mit 12 Jahren lässt ihr Gehör einschneidend nach. „Wenn der Reif in die Blüte fällt, zieht Klage durch die Natur, so auch im Menschenleben …“, schildert sie ihre Erfahrung. Es beginnt ein aussichtloser Kampf gegen den Verlust der Töne, Klänge, des Vogelsanges bis hin zur mühevollen Akzeptanz der fortschreitenden Schwerhörigkeit und letztlich der Ertaubung und des Tinnitus.

Als Margarethe von Witzleben 1901 eine Gruppe von schwerhörigen und ertaubten Menschen zu einem Pfingstgottesdienst in ihrer Wohnung versammelte, ließ sie sich von dem Gedanken bestimmen, dass das Erlebnis der Zuwendung von Seiten des Pfarrers eine Hinwendung zum Leben bewirken sollte. Und so entstand die Hephata-Gemeinde, später der Hephata-Verein, aus dem der Berliner Schwerhörigen-Verein und auch die deutschsprachige Schwerhörigenbewegung hervorgingen. Es ist schon eine Besonderheit, dass zu dieser Zeit eine betroffene Person – noch dazu eine Frau, welche nicht einmal wahlberechtigt war – vor 100 Jahren die Schwerhörigenbewegung begründete.

Was mich beim Lesen so beeindruckte, war die brennende Aktualität der Probleme Hörgeschädigter trotz technischen Fortschritts, der Erkenntnisse der Medizin, der Möglichkeiten der Audiotherapie.

Bereits die Satzung des Hephata-Vereins nannte als Vereinszweck Absehkurse, Erholungsmöglichkeiten, Frühförderung, die Herausgabe einer Zeitung. Es gab Beschäftigungsfirmen zur Sicherung der Erwerbstätigkeit Schwerhöriger und Ertaubter. Auch eine Arbeits- und Stellenvermittlung für Schwerhörige wurde angestrebt. Einrichtungen, die auch heute trotz dringlichen Bedarfs nur ein fernes Ziel sind. Margarethe von Witzleben war eine intelligente Praktikerin mit wachem Sinn für soziale Missstände. Sie organisierte Sprechstunden zur Beratung Schwerhöriger, gesellige Teeabende, Leseabende und sogar Gesangsabende. Überhaupt sind Bildung und lebenslanges Lernen zentrale Ziele in ihrem Wirken, in ihrer Arbeit gegen Vereinsamung und geistige Verkümmerung. „Merkwürdigerweise habe ich aber die Beobachtung gemacht, dass in unserem Kreis verhältnismäßig wenig gelesen wird, und das erscheint mir als Mangel“, schreibt sie und stiftet eine Wanderbücherei mit Postversand für Hephata-Mitglieder. Ihr ist die erstaunliche Leistung gelungen, innerhalb weniger Jahre ein ganzes Spektrum von pädagogischer und sozialer Erwachsenenarbeit aufzubauen, das auch heute noch das Handeln der Schwerhörigenvereine bestimmt – trotz erheblicher Veränderungen bei den technischen, politischen und sozialen Rahmenbedingungen.

Hartwig Claußen und Uta Dörfer recherchierten, sammelten Briefe und Bilddokumente, fotografierten selbst – und das alles mit sehr viel Liebe zum Detail.

Mit dem Titel „Auch einsame Seelen können sehr glücklich werden“ ist Claußen und Dörfer ein sehr lebendiges Buch gelungen, das eine großartige Frau zeigt mit ihren Stärken und Referenzen, aber auch mit ihren Fehlern und Ängsten. Die Autoren machen auf die Tragik der von Hörschädigung Betroffenen aufmerksam, auf die Sehnsucht nach der Selbstverständlichkeit des Hörens, auf den Verlust von Selbstverständlichkeit. Sie zeigen aber auch anhand dieser Symbolfigur, dass auch mit Hörschädigung ein lebendiges, erfülltes und sinnvolles Leben möglich und erlebbar ist.

Das Buch ist mehr als nur eine Biografie, es ist auch ein Stück Geschichte der Schwerhörigenbewegung, welche bisher kaum erforscht und daher noch nicht geschrieben ist.

Zuzüglich der üblichen Versandgebühren kann das Buch auch beim Schwerhörigen-Verein Berline.V., Sophie-Charlotten-Str. 23a, 14059 Berlin, bezogen werden.

Sabine Grehl

Zur Psychologie und Soziologie Hörbehinderte


Wissenschaftliche Fachbuchreihe der Akademie für Hörgeräte-Akustik.

Median-Verlag Heidelberg
ISBN 3-9227666-12-9

Das Buch gliedert sich in drei Abschnitte. Kapitel 1 befasst sich mit der psychischen und sozialen Situation Hörgeschädigter. Ausgehend von der versorgungsrechtlichen und pädagogischen Begriffsbestimmung der eingeschränkten Hörfähigkeit über den Begriff Mehrfachbehinderung, wird deutlich einmal differenziert auf die Häufigkeit der von Hörschäden betroffenen deutschen Bundesbürger eingegangen und zwar auf der Grundlage der Hörtest-Aktion, welche im Auftrag des Deutschen Grünen Kreuzes bundesweit durchgeführt wurde. Bedauerlich ist, dass dieses Material überaltert und somit nicht auf dem aktuellen Stand ist. Der Teil „Soziale Eingliederung“ gibt Auskunft zu Möglichkeiten der Frühförderung, der Schule, der beruflichen Bildung, zu gesetzlichen Grundlagen sowie zur Rehabilitation und betont die Notwendigkeit pädagogischer und psychologischer Hilfen - und zwar vom Alter unabhängig - , welche dem Betroffenen nicht selten unbekannt sind oder versagt werden. Kompakt und übersichtlich wird auch auf die Bedeutung des Gehörsinns und der Kommunikationstaktik eingegangen. Ein gesamtes Kapitel widmet sich dem älteren Menschen als Hauptklientel des Hörgeräteakustikers, während das Kapitel 3 die Verkaufs- und Beratungspsychologie zum Thema hat. Erwähnenswert erscheint mir an dieser Stelle, dass der Abriss Kommunikationsanalyse und Kommunikationsebenen sehr aufschlussreich für Betroffene ist, weil eine gute Kommunikation neben dem Einsatz von technischen Hilfen durchaus erlernbar ist.

Selbstverständlich gibt es seitenlang Literaturhinweise für alle, die tiefer in ein bestimmtes Thema einsteigen wollen. Ein Lehrbuch für jeden angehenden Hörgeräte-Akustiker, aber auch ein Kompendium für alle interessierten Laien und Betroffenen - klar und übersichtlich gegliedert, populär geschrieben, doch leider nicht mehr auf dem aktuellen Stand.

Sabine Grehl

Identität im Kontext von Hörschädigung


Hörgeschädigten Pädagogik Beiheft 43

Manfred Hintermair
Median-Verlag Heidelberg

Über das Thema Identität im Allgemeinen wurde viel geforscht und geschrieben. In Bezug auf Hörgeschädigte liefen bisherige Forschungsergebnisse immer darauf hinaus, dass die Identitätsentwicklung vor allem von gehörlosen oder hochgradig schwerhörigen Kindern auf Grund der Kommunikationsprobleme (mit guthörenden Eltern) in der frühen Kindheit besonders konflikthaft, wenn nicht gar in gewisser Weise "unzureichend" verlaufe.

Mit dem Beiheft 43 aus der Reihe Hörgeschädigten Pädagogik präsentiert Hintermair neue Metaphern der Identitätsforschung und ihre möglichen Konsequenzen für die Hörgeschädigtenpädagogik.

Den klassischen Theorien von Mead, Krappmann und Erikson räumt Hintermair weiterhin einen basalen Erkenntniswert für jede Identitätsdiskussion ein. Auf Grund seiner Forschungen kommt er jedoch zu dem Ergebnis, dass das Konstrukt einer "eindeutigen Identität" nicht haltbar sei. Vielmehr bilde jedes Individuum im Verlaufe der Zeit Teilidentitäten aus: Patchwork-orientiertes Erleben, d.h. unterschiedlich relevante Erfahrungen und deren Be- und Verwertung in unterschiedlichen Rollen (z.B. als Sohn, als Schüler, als Sportsfreund) mache die Identität zu einem offenen Prozess, der einer lebenslangen Bearbeitung zugänglich ist. Dies legt den Schluss nahe, dass weder der Begriff "Identität von Schwerhörigen" sinnvoll ist, noch die pädagogische Notwendigkeit besteht, mit sogenannten "Normalisierungsprogrammen" hörgeschädigten Kindern eine "hörende Identität" zu vermitteln. Es gehe vielmehr darum, "Entwicklungsprozesse auf die Wege zu bringen, in denen hörgeschädigte Menschen ihre Erfahrungen produktiv für sich ordnen können" (Seite 25). Bezogen auf die pädagogische Praxis mit hörgeschädigten Kindern, ergibt sich die Forderung nach Vielfalt statt des Versuchs, Kinder immer wieder auf einen bestimmten Kurs hin- und zurückzubringen. Dies bezieht sich insbesondere auf den Stellenwert der Übergänge von Kommunikationsformen: jede Einseitigkeit, sei es die rein lautsprachliche Erziehung oder aber die ausschließliche Gebärdensprache, engt den Entwicklungs- und Orientierungsrahmen hörgeschädigter Kinder zwangsläufig ein. Es ist Hintermair beizupflichten, wenn er im Zusammenhang mit seinen Ausführungen den Philosophen Hans Jonas zitiert: „Achte auf das Recht jedes Menschenlebens, seinen eigenen Weg zu finden und eine Überraschung für sich selbst zu sein". Ein aufschlussreiches Werk, das aktuelle Erkenntnisse und Sichtweisen zur Identitätsforschung und Hörgeschädigtenpädagogik komprimiert darstellt; es richtet sich ganz offensichtlich - wegen der zahlreichen Fachausdrücke und der wissenschaftlichen Form - an Fachleute aus dem Bereich der Pädagogik und Psychologie. Dennoch sei es an dieser Stelle auch interessierten Laien empfohlen. Zu würdigen ist diese Arbeit nicht zuletzt auf Grund des humanistischen und gleichzeitig emanzipatorischen Ansatzes. Wünschenswert wäre, dass diese Sichtweise auch bei denjenigen auf fruchtbarem Boden falle, die als dogmatische Verfechter einseitiger Kommunikationsformen die Entwicklungschancen hörgeschädigter Kinder unzulässig einschränken.

Maryanne Becker

Festschrift


100 Jahre Schwerhörigenbewegung
100 Jahre Schwerhörigen-Verein Berlin e.V.

Die Festschrift – herausgegeben zum Kongress des Deutschen Schwerhörigenbundes zu Pfingsten 2001 – enthält neben den Grußworten des Schirmherrn Wolfgang Thierse, der Präsidenten des DSB und der Deutschen CI-Gesellschaft sowie des Vorsitzenden des Berliner Schwerhörigen-Vereins eine kleine Chronik des Schwerhörigen-Vereins Berlin und aufschlussreiche Dokumente aus der Vereinsgeschichte.

Bereits mit der Wahl des Titelbildes, das die Begründerin der deutschen Schwerhörigenbewegung Margarethe von Witzleben zeigt, verweist der schwerhörige Historiker Hartwig Eisel auf die Wurzeln des 100-jährigen Vereins, aus denen dieser einen starken Stamm entwickelte, von dem sich Äste in Ost und West verzweigten, die sich schließlich in der Krone wieder vereinigen.

Eine kurze Einleitung stellt die sorgsam ausgewählten Dokumente aus der Geschichte der deutschen Schwerhörigenbewegung in ihren historischen Zusammenhang und gibt Erläuterungen zu Sachverhalten, die sich dem Leser nicht auf den ersten Blick erschließen. Zeitgenössische Fotos unterstreichen behutsam den Text. Amüsant zu lesen ist die Diskussion zum Thema „Dürfen Schwerhörige heiraten?“ aus dem Jahre 1913. Eher nachdenklich stimmen die Dokumente zum Reichsbund der Schwerhörigen in der NS-Zeit. Und zur Hörgeschädigtenbewegung der DDRkann der Leser ebenfalls Wissenswertes erfahren. Die kleine Broschüre vergisst auch nicht aktuelle Hörgeschädigtenthematik, so zur Auseinandersetzung um das Berliner Gleichstellungsgesetz, zu den Beratungsstellen bis hin zur Audiotherapie.

Bleibt nun zu wünschen, dass die Geschichte der Schwerhörigenbewegung umfassend erforscht und geschrieben wird. Die Festschrift ist gegen eine Schutzgebühr von 4,- € (2,- € für Mitglieder) sowie die üblichen Versandgebühren erhältlich bei der SVB-Geschäftsstelle im Witzlebenhaus.

Sabine Grehl

DSB-Kongress 2001


Berlin, 31. Mai bis 3. Juni 2001
Reden, Protokolle, Berichte

Ein Jahr nach dem Kongress des Deutschen Schwerhörigenbundes e.V. in Berlin und der 100-Jahr-Feier des Schwerhörigen-Vereins Berlin e.V. ist nun ein kleiner Band mit Kongressmaterialien erschienen. Einzelne Veranstaltungen können noch einmal nachgelesen und nacherlebt werden. Die Schrift ist bestimmt zur kostenlosen Verteilung an Kongressteilnehmer (auf Anforderung, zuzüglich Versandgebühren) und zum Verkauf an weitere Interessierte gegen eine Schutzgebühr von 2,- € je Exemplar zuzüglich Versandgebühren.

Zu beziehen ist der Kongressbericht bei folgenden Stellen:

Deutscher Schwerhörigenbund e.V.
Breite Str. 3
13187 Berlin
Fax: 030 / 47 54 11 16

Schwerhörigen-Verein Berlin e.V.
Sophie-Charlotten-Str. 23a
14059 Berlin
Fax: 030 / 32 60 23 76.